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Wenn autistische Kinder zu Hause explodieren

Autorenbild: Alexandra Nussbaum
Alexandra Nussbaum
16. Okt.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Warum ich in der Begleitung von Familien nicht nur auf das Verhalten des Kindes schaue.

In meiner Arbeit als ambulante psychiatrisch-therapeutische Pflegefachfrau begegne ich immer wieder Familien, die an ihre Belastungsgrenzen kommen. Ihr autistisches Kind hält in der Schule vieles aus, passt sich an und wirkt nach aussen oft unauffällig. Zu Hause folgen dann Wutausbrüche, Rückzug oder auch körperliche Aggression. Eltern fragen mich: «Warum ist es ausgerechnet bei uns so schwierig?»

Meine Antwort ist selten einfach. Ich sehe nicht nur das Verhalten des Kindes. Ich schaue darauf, welche Anforderungen, Reize und Missverständnisse sich über den Tag angesammelt haben, wie die Familienmitglieder miteinander reagieren und welche Unterstützung sie alle benötigen.


Hände eines Kindes und einer erwachsenen Person halten sich.
Bei der Begleitung im Rahmen des Autismus-Coaching beziehe ich das Umfeld mit ein. (Foto: pexels)

Eine Studie, die meine Arbeit fachlich ergänzt

Die Untersuchung von Wilson und Kolleginnen (2013) interessiert mich besonders, weil sie den Blick auf das elterliche Emotionscoaching richtet. Die Forschenden untersuchten 66 jüngere Kinder, darunter 22 autistische Kinder. Bei den autistischen Kindern war stärker ausgeprägtes elterliches Emotionscoaching mit weniger emotional ausgelösten, nach aussen gerichteten Verhaltensweisen verbunden. Für allgemeine externalisierende Verhaltensprobleme zeigte sich dieser spezifische Zusammenhang nicht.

Ich finde dieses Ergebnis relevant, ordne es aber bewusst vorsichtig ein: Es handelt sich um eine kleine Querschnittsstudie mit jungen Kindern. Sie zeigt einen Zusammenhang, beweist aber nicht, dass Emotionscoaching Aggressionen verhindert oder dass Eltern deren Ursache sind. Bei älteren Kindern und Jugendlichen können die Zusammenhänge anders aussehen.


Was ich in einer Familie beobachte – ein verfremdetes Praxisbeispiel

Das folgende Beispiel ist aus mehreren typischen Beobachtungen meiner Arbeit verdichtet und in seinen Einzelheiten verändert. Es beschreibt keine identifizierbare Familie.

Ein Steg in einen See
Es gilt, Lösungen zu finden, die auch Konflikte unter Geschwistern berücksichtigen. (Foto: pexels)

Ich begleite Familien, in denen ein schulpflichtiges Kind mit Autismus und ADHS ausserhalb des Elternhauses erstaunlich viel Anpassung zeigt. In einem ruhigen Einzelkontakt kann es interessiert, humorvoll und kooperativ sein. Zu Hause hingegen reichen manchmal ein ungeplanter Übergang, ein Missverständnis oder eine enttäuschte Erwartung, damit die Situation kippt. Die Eltern versuchen zu erklären, zu vermitteln oder eine Lösung zu finden – und merken, dass jedes weitere Wort die Anspannung erhöht. Geschwister ziehen sich zurück oder geraten selbst in Konflikte.

Solche Situationen betrachte ich nicht vorschnell als reine «Meltdowns». Sensorische Überlastung, Impulsivität, soziale Kränkung, Beziehungsmuster und erlernte Reaktionen können sich überlagern. Entscheidend ist für mich, die Funktion des Verhaltens im konkreten Moment besser zu verstehen – ohne Gewalt zu relativieren.


Was ich mit Eltern unter Emotionscoaching verstehe

Emotionscoaching bedeutet für mich nicht, alles zu erlauben oder schwierigen Situationen auszuweichen. Ich unterstütze Eltern dabei, zuerst das emotionale Erleben ihres Kindes wahrzunehmen und dann ruhig, klar und vorhersehbar zu handeln.

Statt «Jetzt hör endlich auf!» kann ein Satz hilfreicher sein wie: «Ich sehe, dass dich das gerade sehr überfordert. Ich lasse nicht zu, dass du jemanden schlägst. Wir gehen jetzt auf Abstand und sprechen später.»

Ich übe mit Eltern, frühe Anzeichen von Überforderung zu erkennen: zunehmende Lautstärke, wiederholte Fragen, Körperspannung, Rückzug oder das starke Festhalten an einer Erwartung. In akuten Situationen empfehle ich meist weniger Sprache, mehr Vorhersehbarkeit, angemessenen Abstand und einen klaren Sicherheitsrahmen. Erst wenn das Kind wieder reguliert ist, können wir gemeinsam reflektieren, Verantwortung übernehmen und alternative Handlungen einüben.

Warum ich die Eltern-Kind-Interaktion gemeinsam anschaue

In den Begleitungen erlebe ich, wie schnell zwei überlastete Nervensysteme einander zusätzlich aktivieren können. Ein Kind sucht Verständnis, eine erschöpfte Mutter oder ein erschöpfter Vater versucht rasch zu erklären oder Grenzen durchzusetzen – und beide fühlen sich zunehmend unverstanden. Diese Dynamik spreche ich sensibel an. Es geht mir nicht darum, Eltern zu bewerten oder ihnen Schuld zuzuschreiben, sondern darum, gemeinsam neue Reaktionsmöglichkeiten zu entwickeln.

Dazu gehört auch, Eltern zu entlasten. Niemand kann dauerhaft ruhig und feinfühlig reagieren, wenn der Familienalltag von Angst vor der nächsten Eskalation bestimmt ist. Ich berücksichtige deshalb die Bedürfnisse der Geschwister, die Rolle weiterer Bezugspersonen, die Zusammenarbeit mit Schule und behandelnden Fachpersonen und – wenn nötig – verbindliche Krisen- und Schutzabsprachen.

Was ich Familien mitgeben möchte

Ein autistisches Kind braucht nicht grenzenloses Nachgeben. Es braucht Erwachsene, die seine besondere Wahrnehmung ernst nehmen, Anforderungen passend dosieren und gleichzeitig verlässliche Grenzen setzen. Gefühle dürfen da sein. Körperliche Übergriffe dürfen es nicht.


Für mich ist Emotionscoaching deshalb kein Wundermittel, sondern ein wichtiger Baustein einer umfassenden autismussensiblen Familienbegleitung. Ich möchte nicht nur erreichen, dass ein Kind weniger eskaliert. Ich möchte, dass Eltern ihr Kind besser verstehen, Geschwister geschützt werden und die Familie wieder mehr Sicherheit und positive gemeinsame Momente erleben kann.

Hand eines Kindes mit einem Marienkäfer
Im Coaching gebe ich den Familien Werkzeuge für den Alltag mit. (Foto: pexels)

Wissenschaftliche Grundlage

Wilson, B. J., Berg, J. L., Zurawski, M. E., & King, K. A. (2013). Autism and externalizing behaviors: Buffering effects of parental emotion coaching. Research in Autism Spectrum Disorders, 7(6), 767–776. https://doi.org/10.1016/j.rasd.2013.02.005


Alexandra Nussbaum | Dipl. Pflegefachfrau HF Psychiatrie | Ambulante psychiatrisch-therapeutische Pflege | www.nussbaum-psych.ch



 
 
 

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