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Neurodivergenz ganzheitlich begleiten

Autorenbild: Alexandra Nussbaum
Alexandra Nussbaum
vor 6 Tagen
6 Min. Lesezeit

Wie psychiatrisch-therapeutische Pflege und neurozentriertes Coaching sich ergänzen

Ein gemeinsamer Ansatz von Nussbaum PSY und neuronuss bewegt


Wenn der Kopf viel weiss – der Körper aber trotzdem Alarm schlägt

Viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS, Autismus oder anderen Formen von Neurodivergenz kennen dieses Erleben: Sie können eine Situation verstandesmässig gut einordnen und wissen eigentlich, dass keine unmittelbare Gefahr besteht – trotzdem reagiert der Körper mit Unruhe, Anspannung, Übelkeit, Rückzug, Überforderung oder dem starken Wunsch, die Situation zu vermeiden.


In meiner Arbeit als ambulante psychiatrisch-therapeutische Pflegefachfrau erlebe ich immer wieder, dass reine Gespräche oder kognitive Strategien nicht in jeder Situation ausreichen. Gerade bei ausgeprägter Reizoffenheit, Schwierigkeiten in der Selbstregulation, sozialer Unsicherheit, Ängsten, Impulsivität oder rascher Überlastung braucht es häufig zusätzlich einen Zugang über den Körper, die Wahrnehmung und Bewegung.


Genau hier ergänzt sich meine Arbeit mit der von Christian Sidler von neuronuss bewegt. In ausgewählten Fällen verbinden wir psychiatrisch-therapeutische Pflege, Psychoedukation und alltagsnahe Begleitung mit neurozentrierten Bewegungs- und Wahrnehmungsübungen. Dabei geht es nicht darum, eine Diagnose «wegzutrainieren». Ziel ist vielmehr, Selbstwahrnehmung, Regulation, Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit zu stärken.


Was bedeutet Neurodivergenz im Alltag?

Neurodivergenz beschreibt unterschiedliche Arten, wie Menschen Informationen wahrnehmen, verarbeiten und auf ihre Umwelt reagieren. Dazu gehören beispielsweise ADHS und Autismus. Diese Unterschiede zeigen sich nicht nur in Konzentration oder Verhalten, sondern oft auch in der Verarbeitung von Sinnesreizen, im Umgang mit Veränderungen, in sozialen Situationen, beim Planen und Strukturieren sowie in der Regulation von Emotionen und Stress.


Bei manchen Jugendlichen ist der Alltag deshalb mit einem deutlich höheren Energieaufwand verbunden. Ein lautes Klassenzimmer, eine unklare Arbeitsanweisung, ein spontaner Planwechsel, Smalltalk, Essen ausserhalb der gewohnten Umgebung oder eine neue soziale Situation können wesentlich mehr Verarbeitung verlangen als von aussen sichtbar ist.


Besonders wichtig ist mir dabei ein ressourcenorientierter Blick: Neurodivergente Menschen bringen nicht nur Herausforderungen, sondern häufig auch grosse Stärken mit – etwa ausgeprägte Interessen, Genauigkeit, Kreativität, tiefes Fachwissen, Loyalität, besondere Wahrnehmungsfähigkeiten oder intensive und tragfähige Beziehungen.


Meine Rolle: psychiatrisch-therapeutische Pflege im echten Alltag

Meine Begleitung setzt dort an, wo Symptome im Alltag konkret spürbar werden: zu Hause, in der Schule, in der Ausbildung, im sozialen Umfeld oder in Übergangssituationen. Gemeinsam mit den Betroffenen und ihren Familien erarbeite ich ein Verständnis dafür, was hinter einer Reaktion steckt und welche Unterstützung tatsächlich hilfreich ist.


Dazu gehören unter anderem Psychoedukation zu ADHS, Autismus, Angst und Stressregulation, das Erkennen von Auslösern, der Aufbau von Copingstrategien, Elternberatung, schulische Vernetzung, Krisenprävention sowie das schrittweise Erproben neuer Handlungsmöglichkeiten.


Ein wichtiges Ziel ist immer, dass Strategien nicht nur im Gespräch verstanden werden, sondern im Alltag funktionieren. Genau deshalb kann die Verbindung mit bewegungs- und wahrnehmungsorientierten Ansätzen besonders wertvoll sein.


Christian Sidler von neuronuss bewegt auf dem Balance Board
Christian Sidler auf dem Balance Board (Foto: Nussbaum PSY)

Die Ergänzung durch neurozentriertes Coaching

Im neurozentrierten Coaching arbeitet Christian mit Bewegung, Gleichgewicht, Koordination, visueller Verarbeitung, Atmung und gezielten Reaktionsaufgaben. Je nach Person können beispielsweise Balanceübungen, Überkreuzbewegungen, Ballaufgaben, visuelle Fokussierung, Reaktionsspiele, Atemübungen oder koordinativ anspruchsvolle Bewegungsfolgen eingesetzt werden.


Der zentrale Gedanke dabei ist einfach: Das Gehirn verarbeitet fortlaufend Informationen aus dem Körper und der Umwelt. Je klarer und verlässlicher diese Informationen verarbeitet werden, desto besser kann eine Person situationsgerecht reagieren. Bewegung kann zudem Aufmerksamkeit, Aktivierungsniveau und exekutive Funktionen wie Inhibition, kognitive Flexibilität oder Handlungsplanung beeinflussen.


Wir testen deshalb nicht nach dem Prinzip «eine Übung hilft allen», sondern beobachten individuell: Wird die Person ruhiger oder unruhiger? Verbessert sich die Konzentration? Wird eine Aufgabe leichter? Fühlt sich der Körper stabiler an? Kann danach besser gelernt, gesprochen oder eine Herausforderung angegangen werden?


Was wir in gemeinsamen Terminen praktisch beobachten

Aus unseren gemeinsamen Begleitungen zeigen sich immer wieder ähnliche Themen – selbstverständlich bei jeder Person in einer anderen Ausprägung. Jugendliche mit ADHS berichten beispielsweise, dass bewegungsbasierte Aufgaben vor einer Lern- oder Arbeitssituation helfen können, «wacher» und fokussierter zu werden. Bei Autismus stehen häufig Reizverarbeitung, Vorhersagbarkeit, soziale Anforderungen und die Regulation bei Veränderungen stärker im Vordergrund.


Bei Angststörungen erleben wir, dass die Angst oft sehr körperlich beginnt: mit Übelkeit, verändertem Atem, Herzklopfen, Anspannung oder einem starken Rückzugsimpuls. In solchen Situationen kann es hilfreich sein, neben der psychotherapeutischen Bearbeitung auch Körperwahrnehmung, Atmung, Gleichgewicht und Bewegung gezielt zu trainieren.


In Familien nutzen wir die gemeinsamen Termine zudem, um Eltern zu zeigen, wie sie unterstützen können, ohne ungewollt Vermeidung zu verstärken. Bei Kindern können spielerische Impulskontroll-, Bewegungs- und Atemübungen einen Zugang schaffen, der weniger «therapeutisch» wirkt und dadurch oft leichter angenommen wird.


Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Ausbildung kann der Fokus wiederum stärker auf Konzentration, Arbeitsorganisation, Nachfragen bei unklaren Aufträgen, sozialer Unsicherheit oder dem Umgang mit Routinen und Veränderungen liegen.


Warum Bewegung fachlich sinnvoll sein kann

Für Bewegung als ergänzende Intervention gibt es eine wachsende wissenschaftliche Grundlage. Meta-Analysen zeigen, dass körperliche Aktivität bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS positive Effekte auf exekutive Funktionen und teilweise auch auf Kernsymptome haben kann. Besonders Aufgaben, die Bewegung mit Reaktion, Koordination und wechselnden Anforderungen verbinden, scheinen für Aspekte wie Inhibitionskontrolle und kognitive Flexibilität interessant zu sein. [1,2]


Auch bei Kindern und Jugendlichen im Autismus-Spektrum zeigen systematische Übersichtsarbeiten positive Effekte von Bewegungsinterventionen auf exekutive Funktionen; für einzelne Bereiche und die optimale Trainingsform ist die Evidenz jedoch noch nicht abschliessend. [3,4]


Für Angst im Zusammenhang mit Autismus ist zudem gut beschrieben, dass sensorische Verarbeitung und Interozeption – also die Wahrnehmung und Einordnung innerer Körpersignale – eine wichtige Rolle spielen können. [5] Das erklärt, warum es fachlich sinnvoll sein kann, in der Behandlung nicht nur Gedanken und Verhalten, sondern auch Körperwahrnehmung und Reizverarbeitung zu berücksichtigen.


Ein Junge springt draussen im Wald in die Luft
Die Wissenschaft beschäftigt sich zunehmend mit dem Einfluss von Bewegung auf die psychische Gesundheit. (Foto: pexels)

Wichtig: keine Heilsversprechen und keine Ersatztherapie

Der Begriff «neurozentriertes Training» bezeichnet keinen einheitlich standardisierten medizinischen Therapieansatz mit einer für alle Anwendungen gesicherten Evidenz. Wissenschaftlich gut untersucht sind einzelne Bestandteile wie Bewegung, Koordination, Gleichgewichtstraining, körperliche Aktivität und exekutive Funktionen. Deshalb formulieren wir bewusst vorsichtig und beobachten die individuelle Wirkung.


Neurozentriertes Coaching ersetzt weder eine notwendige Psychotherapie noch eine psychiatrische oder ärztliche Behandlung. Es kann jedoch eine sinnvolle Ergänzung sein, wenn körperorientierte Regulation, Bewegung und Wahrnehmung für die individuelle Zielsetzung hilfreich sind.


Ebenso wichtig: Nicht jede Übung hilft jeder Person. Neurodivergente Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf sensorische Reize und Bewegung. Eine Intervention soll deshalb immer angepasst, freiwillig, nachvollziehbar und ressourcenorientiert erfolgen.


Warum die Kombination so hilfreich sein kann

Unsere Zusammenarbeit verbindet zwei Perspektiven, die sich im Alltag gut ergänzen. Ich bringe die psychiatrisch-therapeutische Einschätzung, den Blick auf Symptome, Familie, Schule, Ausbildung, Krisen, Alltag und bestehende Behandlungsziele ein. Christian ergänzt diesen Rahmen mit bewegungs- und wahrnehmungsorientierten Aufgaben sowie einem sehr praktischen Zugang zur Regulation.


Das ermöglicht uns, gemeinsam zu prüfen: Was braucht diese Person gerade? Mehr Struktur? Mehr Körperwahrnehmung? Eine bessere Strategie bei Überforderung? Einen Weg aus Vermeidung? Unterstützung bei Aufmerksamkeit und Impulskontrolle? Oder zunächst einfach eine positive Erfahrung, bei der etwas wieder gelingt?


Besonders wertvoll ist, dass viele Übungen direkt in den Alltag übertragen werden können. Ein kurzer Bewegungsinput vor dem Lernen, eine Atemübung vor einer schwierigen Situation oder eine koordinative Aufgabe zur Aktivierung kann niederschwellig eingesetzt werden. Entscheidend ist nicht die perfekte Ausführung, sondern dass die Person versteht, was ihr hilft und zunehmend selbst darüber verfügen kann.


Selbstwirksamkeit statt ständiges «Therapiert-Werden»

Gerade Jugendliche erleben häufig, dass sie sehr viele Termine haben und ständig an etwas «arbeiten» sollen. Das kann selbst zur Belastung werden. Deshalb ist uns wichtig, dass Unterstützung nicht zum nächsten Leistungsauftrag wird.


Unser Ziel ist Selbstwirksamkeit: Ein Jugendlicher soll möglichst nicht abhängig von uns werden, sondern lernen, eigene Signale früher wahrzunehmen, hilfreiche Strategien auszuwählen, Grenzen zu kommunizieren und trotz Unsicherheit neue Erfahrungen zu machen.


Manchmal bedeutet das auch, Termine bewusst zu reduzieren, eine Pause einzulegen oder eine Methode nicht weiterzuführen, wenn sie für die betreffende Person nicht passt. Eine gute Begleitung muss nicht möglichst intensiv sein – sondern möglichst passend.


Ein Mädchen steht draussen auf einem Balance Board
Bei jungen Menschen mit Neurodivergenz kann sich gezielte Bewegung kurz- und langfristig positiv auswirken. (Foto: pexels)

Für wen kann die gemeinsame Arbeit sinnvoll sein?

Die Kombination kann insbesondere dann interessant sein, wenn Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene oder Familien Unterstützung benötigen bei:


  • ADHS und Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle oder exekutiven Funktionen

  • Autismus bzw. autistischen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsbesonderheiten

  • Angst, sozialer Unsicherheit oder ausgeprägtem Vermeidungsverhalten

  • Reizüberflutung, Lärmempfindlichkeit und rascher Überforderung

  • Übergängen, Veränderungen und hohem Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit

  • Schulabsentismus oder Schwierigkeiten bei der Rückkehr in Schule und Ausbildung

  • Selbstregulation, Körperwahrnehmung und Umgang mit Stress

  • sozialer Teilhabe, Aufbau von Selbstvertrauen und alltagsnahen Erfolgserlebnissen


Unser gemeinsames Ziel

Wir möchten neurodivergente Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nicht «normaler» machen. Wir möchten ihnen helfen, sich selbst besser zu verstehen und ihren Alltag mit weniger Überforderung und mehr Handlungsspielraum gestalten zu können.


Wenn psychiatrisch-therapeutische Pflege, Familie, Schule oder Ausbildung, psychotherapeutische Behandlung und körperorientiertes Training sinnvoll zusammenspielen, entsteht ein sehr individueller Unterstützungsrahmen. Genau darin liegt für uns die Stärke der gemeinsamen Arbeit: verschiedene Zugänge miteinander zu verbinden, ohne die Person aus dem Blick zu verlieren.


Manchmal beginnt Veränderung mit einem Gespräch. Manchmal mit einem Schritt auf ein Balanceboard. Und manchmal damit, dass ein junger Mensch zum ersten Mal merkt: «Ich kann beeinflussen, wie es mir in dieser Situation geht.»


Fachliche Grundlage

[1] Exercise for core ADHD symptoms and executive functions in children and adolescents with ADHD: A network and dose-response meta-analysis. Journal of Sport and Health Science, 2026.


[2] Single Exercise for Core Symptoms and Executive Functions in ADHD: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Attention Disorders, 2024.


[3] The effectiveness and sustained effects of exercise therapy to improve executive function in children and adolescents with autism: a systematic review and meta-analysis. European Journal of

Pediatrics, 2025.


[4] The Effects of Exercise Interventions on Executive Functions in Children and Adolescents with Autism Spectrum Disorder: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports Medicine, 2021.


[5] Sensory Processing and Anxiety: Within and Beyond the Autism Spectrum. Review article, 2024.

 
 
 

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