Suizidalität bei autistischen Frauen

Warum Masking, Überlastung, Alexithymie und ein spätes Erkennen von Autismus in der Suizidprävention mitgedacht werden müssen
Ein Fachbeitrag aus der ambulanten psychiatrisch-therapeutischen Pflege
Alexandra Nussbaum | Nussbaum PSY
Hinweis: Das Praxisbeispiel in diesem Beitrag ist konsequent anonymisiert und aus wiederkehrenden klinischen Mustern abgeleitet. Es enthält keine identifizierenden Angaben einer Patientin. Der Beitrag ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Krisenbeurteilung.
Suizidalität bei Autismus ist kein Randthema
Autistische Menschen sind von Suizidgedanken und suizidalem Verhalten deutlich häufiger betroffen als die Allgemeinbevölkerung. Besonders wichtig ist dies bei autistischen Frauen und bei Frauen, deren Autismus lange unerkannt bleibt. Nach aussen können sie sozial kompetent, angepasst und leistungsfähig wirken. Hinter diesem sichtbaren Funktionieren können jedoch erhebliche sensorische, soziale und emotionale Belastungen stehen.
Eine Meta-Analyse von 36 Studien mit insgesamt 48'186 autistischen oder möglicherweise autistischen Personen ohne begleitende Intelligenzminderung berichtete gepoolte Prävalenzen von 34,2 % für Suizidgedanken, 21,9 % für Suizidpläne und 24,3 % für Suizidversuche bzw. suizidales Verhalten. Die starke Heterogenität der Studien bedeutet, dass diese Zahlen nicht auf jede einzelne Person übertragen werden dürfen. Sie zeigen aber die Grössenordnung des Problems. [1]
Eine weitere systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zur Suizidsterblichkeit fand für autistische Menschen ein gepooltes relatives Risiko von 2,85 gegenüber nicht-autistischen Vergleichsgruppen. In den eingeschlossenen Daten war das relative Risiko bei autistischen Frauen höher als bei autistischen Männern. Die Autor:innen weisen zugleich auf die begrenzte Zahl und
geografische Abdeckung der verfügbaren Studien hin. [2]

Warum autistische Frauen leicht übersehen werden
Autismus zeigt sich bei Frauen nicht zwingend so, wie es ältere, stark männlich geprägte klinische Vorstellungen erwarten lassen. Ein wichtiges Konzept ist das soziale Camouflaging oder Masking: Autistische Merkmale werden bewusst oder unbewusst verborgen, soziale Regeln werden beobachtet und erlernt, Gespräche vorbereitet, Mimik und Blickkontakt angepasst und eigene Bedürfnisse zurückgestellt, um möglichst wenig aufzufallen.
Systematische Reviews zeigen, dass Camouflaging bei autistischen Frauen eine relevante Rolle spielen kann und trotz seiner kurzfristig adaptiven Funktion mit negativen Auswirkungen auf Wohlbefinden und psychische Gesundheit verbunden ist. Beschrieben werden unter anderem Übersehenwerden, unzureichende Unterstützung, Erschöpfung bzw. Burnout, Belastungen von Beziehungen sowie Schwierigkeiten mit Selbstwert und Identität. [3–5]
Wenn Funktionieren mit Gesundheit verwechselt wird
In meiner ambulanten Arbeit erlebe ich immer wieder junge Frauen, die über lange Zeit erstaunlich viel leisten. Sie gehen zur Schule oder Arbeit, halten Termine ein, pflegen Freundschaften, übernehmen Verantwortung und wirken im Gespräch reflektiert. Gleichzeitig benötigen sie für dieses Funktionieren einen enormen inneren Energieaufwand.
Nach intensiven sozialen Tagen, neuen Situationen oder Phasen mit vielen Erwartungen kann der Einbruch zeitversetzt erfolgen: starke Erschöpfung, Rückzug, Reizempfindlichkeit, Leere, Hoffnungslosigkeit oder das Gefühl, nicht mehr weiterzukönnen. Klinisch ist deshalb die Frage wichtig: Wie viel kostet eine Person das, was von aussen problemlos aussieht?

Ein anonymisiertes Muster aus der Praxis
Eine junge Frau in meiner therapeutisch-pflegerischen Begleitung zeigte über längere Zeit eine chronische Suizidalität. Gleichzeitig verfügte sie über enge und tragfähige Beziehungen, Zukunftswünsche und eine bemerkenswerte Fähigkeit zur nachträglichen Selbstreflexion. Besonders auffällig war jedoch, dass sie ihre Belastungsgrenzen häufig erst erkannte, nachdem sie diese bereits deutlich überschritten hatte.
Soziale Anforderungen, neue Umgebungen und langes Anpassen konnten zunächst bewältigt werden. Erst danach folgten massive Erschöpfung und eine Zunahme suizidaler Gedanken. In hoher Belastung wurde es für sie zunehmend schwierig, innere Zustände in Worte zu fassen oder frühzeitig Hilfe einzufordern. Suizidale Vorstellungen konnten dabei zeitweise die Funktion eines inneren Notausgangs übernehmen: die Vorstellung, dem unerträglichen Zustand entkommen zu können, vermittelte kurzfristig Ruhe, Kontrolle oder Sicherheit.
Dieses Muster darf nicht verallgemeinert werden. Es zeigt aber, weshalb bei autistischen oder möglicherweise autistischen Patientinnen die Funktion der Suizidalität genauso wichtig ist wie ihr Vorhandensein. Die therapeutische Frage lautet nicht nur «Ist die Patientin suizidal?», sondern auch: «Was geschieht vorher? Wann verliert sie Zugang zu ihren Bedürfnissen? Welche Reize, Anpassungsleistungen, Gefühle und körperlichen Signale gehen der Krise voraus?»
Masking, ungedeckte Bedürfnisse und Suizidalität
Cassidy und Kolleg:innen untersuchten Risikomarker bei autistischen Erwachsenen. In ihrer Stichprobe waren unter anderem nicht-suizidale Selbstverletzung, Camouflaging und eine grössere Zahl ungedeckter Unterstützungsbedürfnisse mit Suizidalität verbunden. Die Studie belegt keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung, macht aber deutlich, dass autismusspezifische Lebensbedingungen in der Suizidprävention berücksichtigt werden sollten. [6]
Auch neuere Forschung bei Frauen weist auf Zusammenhänge zwischen Autismus, Camouflaging, Angst und Suizidgedanken hin. Dabei zeigte sich insbesondere Angst als relevanter Faktor im Zusammenhang zwischen Camouflaging und suizidaler Ideation. [7]
Alexithymie: Wenn Gefühle vorhanden sind, aber Worte fehlen
Ein weiterer klinisch wichtiger Aspekt ist Alexithymie. Damit sind Schwierigkeiten gemeint, eigene Gefühle zu identifizieren und zu beschreiben. Das bedeutet nicht, dass eine Person wenig fühlt. Im Gegenteil: Emotionen können sehr intensiv sein, während ihre Bedeutung schwer zugänglich bleibt. Statt «Ich bin verletzt, überfordert und brauche Rückzug» wird zunächst vielleicht nur Druck, Leere, Enge, Unruhe oder der Wunsch wahrgenommen, dass alles aufhören soll.
Eine Meta-Analyse über unterschiedliche klinische und nicht-klinische Populationen fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen Alexithymie und Suizidgedanken sowie einen kleineren Zusammenhang mit suizidalem Verhalten. Die Ergebnisse waren heterogen und sind nicht autismusspezifisch; sie unterstreichen jedoch die Bedeutung von Emotionswahrnehmung und Emotionsregulation in der Prävention. [8]

Chronische Suizidalität ernst nehmen – ohne jedes Gespräch zu bestrafen
Für die therapeutische Beziehung entsteht ein anspruchsvoller Balanceakt. Suizidalität muss konsequent ernst genommen werden. Gleichzeitig darf eine Patientin nicht lernen, dass jedes offene Ansprechen suizidaler Gedanken automatisch Kontrollverlust, Beziehungsabbruch oder nicht nachvollziehbare Konsequenzen auslöst. Wenn Offenheit als gefährlich erlebt wird, kann das dazu führen, dass Krisen erst sehr spät sichtbar werden.
In meiner Arbeit ist deshalb eine transparente, nicht beschämende Gesprächskultur zentral. Chronische Todeswünsche werden offen exploriert, zugleich werden Veränderungen hin zu konkreter Absicht, Planung, Vorbereitung oder unmittelbarer Handlung klar als Eskalation behandelt. Sicherheits- und Krisenpläne müssen individuell, konkret und gemeinsam mit der Patientin entwickelt werden.
Nicht erst eingreifen, wenn die Krise ihren Höhepunkt erreicht
Bei manchen Patientinnen ist im Rückblick erkennbar, dass eine Krise viele Stunden früher begonnen hat. Zu diesem Zeitpunkt bestehen vielleicht bereits ungewöhnliche Erschöpfung, innere Leere, zunehmender Rückzug, Reizüberlastung, ein enger werdendes Denken oder Schwierigkeiten, Bedürfnisse wahrzunehmen. Später kann die kognitive Flexibilität so stark reduziert sein, dass selbst bekannte Skills kaum noch zugänglich sind.
Prävention bedeutet deshalb, das Interventionsfenster nach vorne zu verschieben. Hilfreich können individuelle Frühwarnzeichen, einfache Ampel- oder Skalensysteme und sehr niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten sein. Wer in hoher Belastung kaum noch Worte findet, sollte nicht erst eine perfekte Erklärung formulieren müssen. Ein vereinbarter Satz wie «Es beginnt wieder» kann bereits ein Signal sein, Unterstützung zu aktivieren.

Was in der Behandlung besonders hilfreich sein kann
Belastung funktional analysieren: Nicht nur den Suizidimpuls betrachten, sondern die Stunden und Tage davor: Schlaf, Reize, soziale Anforderungen, Konflikte, Masking, körperliche Signale, fehlende Pausen und unerfüllte Bedürfnisse.
Energiehaushalt sichtbar machen: Modelle wie die Löffeltheorie können helfen, Energiequellen und Energieräuber zu erkennen und Überlastung früher wahrzunehmen.
Interozeption und Emotionssprache fördern: Körperempfindungen, Gefühle und Bedürfnisse schrittweise miteinander verknüpfen; Gefühlsrad, Tagebuch, Körperkarten oder kurze Check-ins können dabei unterstützen.
Autistische Regulation respektieren: Rückzug, Reizreduktion, Kopfhörer, repetitive Bewegung, klare Strukturen oder Alleinzeit können Regulation sein und sollten nicht vorschnell als Vermeidung bewertet werden.
Masking reduzieren: Gemeinsam herausfinden, wo Anpassung notwendig erscheint und wo mehr authentisches Verhalten, Grenzen und angemessene Unterstützung möglich sind.
Krisenplan konkretisieren: Frühwarnzeichen, Bezugspersonen, professionelle Anlaufstellen und klare Eskalationsstufen gemeinsam festlegen. Bei akuter Gefährdung braucht es unmittelbare fachliche Beurteilung.
Lebensqualität aufbauen: Suizidprävention darf nicht nur aus Gefahrenabwehr bestehen. Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit, sinnvolle Tätigkeiten, Spezialinteressen, passende Beziehungen und realistische Zukunftsperspektiven sind zentrale Behandlungsziele.
Autismus oder Borderline? Vorsicht vor vorschnellen Erklärungen
Selbstverletzung, chronische Suizidalität, intensive Emotionen, Leere, Identitätsfragen oder Krisen können bei unterschiedlichen Störungsbildern auftreten. Sie beweisen weder Autismus noch eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Gerade bei Frauen sollte deshalb sorgfältig geprüft werden, ob emotionale Krisen wesentlich durch sensorische und soziale Überlastung, Masking, Schwierigkeiten der Interozeption, Veränderungen von Routinen und langjähriges Nicht-Verstandenwerden mitbedingt sind.
Ebenso wichtig ist die Gegenrichtung: Eine Autismusdiagnose darf andere psychische Erkrankungen nicht unsichtbar machen. Depression, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Persönlichkeitsstörungen oder andere Komorbiditäten können zusätzlich bestehen und benötigen eine eigenständige diagnostische und therapeutische Betrachtung.
Was ich mir für die Versorgung wünsche
Wir brauchen bei suizidalen autistischen Frauen weniger die Frage, ob ihr Leid «typisch genug» aussieht, und mehr Neugier darauf, wie ihr Nervensystem, ihre Kommunikation und ihre Lebensgeschichte zusammenspielen. Eine Patientin kann gute Freundschaften haben, Blickkontakt halten, humorvoll sein, berufliche Ziele verfolgen und dennoch autistisch sein. Ebenso kann sie hoch reflektiert wirken und gleichzeitig ihre Gefühle im entscheidenden Moment kaum identifizieren.
Suizidprävention bei Autismus bedeutet deshalb für mich: früher erkennen, konkreter fragen, Reiz- und Energiehaushalt ernst nehmen, Kommunikation anpassen, Beziehungen verlässlich gestalten und gemeinsam Bedingungen schaffen, unter denen ein Leben nicht nur ausgehalten, sondern zunehmend als eigenes Leben erlebt werden kann.
Bei akuter Suizidgefahr
Bei konkreter Suizidabsicht, Vorbereitungshandlungen oder fehlender Fähigkeit zur Selbstsicherung ist eine unmittelbare professionelle Krisen- bzw. Notfallbeurteilung erforderlich. Ein Blogbeitrag oder eine ambulante Routinevereinbarung ersetzt in einer akuten Situation keine Notfallversorgung.
Literatur
1. Newell V, Phillips L, Jones C, Townsend E, Richards C, Cassidy S. A systematic review and meta-analysis of suicidality in autistic and possibly autistic people without co-occurring intellectual disability. Molecular Autism. 2023;14. PMID: 36922899.
2. Santomauro DF et al. The global burden of suicide mortality among people on the autism spectrum: A systematic review, meta-analysis, and extension of estimates from the Global Burden of Disease Study 2021. Psychiatry Research. 2024; PMID: 39197224.
3. Tubío-Fungueiriño M, Cruz S, Sampaio A, Carracedo A, Fernández-Prieto M. Social Camouflaging in Females with Autism Spectrum Disorder: A Systematic Review. Journal of Autism and Developmental Disorders. 2021;51:2190–2199. doi:10.1007/s10803-020-04695-x.
4. Cook J, Hull L, Crane L, Mandy W. Camouflaging in autism: A systematic review. Clinical Psychology Review. 2021;89:102080. doi:10.1016/j.cpr.2021.102080.
5. Zhuang S et al. Psychosocial factors associated with camouflaging in autistic people and its relationship with mental health and well-being: A mixed methods systematic review. Clinical Psychology Review. 2023; doi:10.1016/j.cpr.2023.102335.
6. Cassidy S et al. Risk markers for suicidality in autistic adults. Molecular Autism. 2018;9. PMID: 30083306.
7. The association between autism, camouflaging and anxiety with suicidal ideation in women. PubMed PMID: 41657826.
8. Hemming L et al. A systematic review and meta-analysis of the association between alexithymia and suicide ideation and behaviour. Journal of Affective Disorders. 2019; PMID: 31103905.
9. Pelton MK, Crawford H, Robertson AE, Rodgers J, Baron-Cohen S, Cassidy S. Understanding Suicide Risk in Autistic Adults: Comparing the Interpersonal Theory of Suicide in Autistic and Non-autistic Samples. Journal of Autism and Developmental Disorders. PMID: 32125567.
10. Kirby AV, Conner CM, Mazefsky CA. Are autistic females at greater risk of suicide? A call for clarity to advance suicide prevention for the whole community. Autism Research. 2024;17(5):898–905. doi:10.1002/aur.3120.
Über die Autorin
Alexandra Nussbaum ist diplomierte Pflegefachfrau mit Schwerpunkt ambulante psychiatrisch-therapeutische Pflege und begleitet Menschen sowie Familien unter anderem bei ADHS, Autismus, Emotionsregulationsproblemen und psychischen Krisen. In ihrer Arbeit verbindet sie psychiatrisch-pflegerische Begleitung, Psychoedukation, DBT-orientierte Interventionen, Angehörigenarbeit und interprofessionelle Vernetzung.


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